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„CRESCENDO“ – Ein emotionaler Abend über Antisemitismus, Dialog und politische Verantwortung
Marie Philipp und Markus Reinefeld (Foto: Dr. Khalil Dindarian)
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„CRESCENDO“ – Ein emotionaler Abend über Antisemitismus, Dialog und politische Verantwortung

Am 5. Oktober 2026 fand im traditionsreichen Berliner Kant Kino in Charlottenburg ein Film- und Gesprächsabend zum Thema Antisemitismus statt. Auf Einladung von Lukas Krieger, Bundestagsabgeordneter und kommissarischer Generalsekretär der CDU Berlin, wurde der Film „CRESCENDO“ gezeigt. Markus Reinefeld, Chef des Kant Kinos, stellte für die Veranstaltung die Räumlichkeiten zur Verfügung. Die Schauspielerin Marie Philipp unterstützte den Abend vor Ort, hieß die Gäste willkommen und begleitete die Veranstaltung während des gesamten Abends. Man kennt sie z. B. aus „Linnea“ und „Zurück auf Ende“. 2014 war sie nominiert als Preisträgerin für den Max-Ophüls-Filmpreis.

l.-r.: Dr. Alice Brauner , Christine Berg, Lukas Krieger (Foto: Dr. Khalil Dindarian)

Im Anschluss diskutierten die Produzentin Dr. Alice Brauner und Lukas Krieger auf dem Podium, moderiert von Christine Berg. Auch die Zuschauerinnen und Zuschauer beteiligten sich intensiv an der Diskussion. Was als Filmabend begann, entwickelte sich so zu einem persönlichen, emotionalen und zugleich politischen Gespräch über Antisemitismus, gesellschaftliche Verantwortung und die Grenzen des Dialogs.

Ein Film über die Hoffnung auf Verständigung

„CRESCENDO“ erzählt von jungen israelischen und palästinensischen Musikerinnen und Musikern, die gemeinsam in einem Orchester spielen sollen. Inspiriert vom West-Eastern Divan Orchestra steht der Film für die Hoffnung, dass Menschen trotz tiefgreifender politischer, religiöser und gesellschaftlicher Konflikte miteinander in Kontakt treten und durch gemeinsames Handeln Grenzen überwinden können.

Die Musik wird dabei zum verbindenden Element. Wer gemeinsam musizieren will, muss zuhören – nicht nur sich selbst, sondern auch dem anderen. Ein Orchester kann nur funktionieren, wenn unterschiedliche Stimmen ihren Platz finden und dennoch Teil eines gemeinsamen Ganzen werden. Genau diese Botschaft erhielt durch die anschließende Podiumsdiskussion jedoch eine neue und wesentlich schwierigere Dimension.

Der 7. Oktober als Zäsur

Besonders eindringlich war eine Aussage von Alice Brauner. Sie machte deutlich, dass sie nach den Ereignissen des 7. Oktober 2023 einen Film wie „CRESCENDO“ heute nicht mehr machen würde. Gerade vor dem Hintergrund der Botschaft des Films war diese Aussage bemerkenswert. Denn „CRESCENDO“ ist von der Hoffnung getragen, dass Begegnung und gemeinsames Erleben einen Beitrag zur Verständigung leisten können. Brauner distanzierte sich dabei nicht grundsätzlich von den Gedanken und Überzeugungen, die hinter dem Film stehen. Vielmehr wurde im Gespräch deutlich, wie tief der 7. Oktober und die Entwicklungen danach ihre persönliche Perspektive verändert haben.

Besonders emotional wurde die Diskussion, als es um Berlin ging. Brauner vermittelte, dass Berlin für sie heute nicht mehr der Ort sei, der es einmal war. Eine solche Wahrnehmung erhält gerade in Berlin, angesichts der deutschen Geschichte und der Bedeutung jüdischen Lebens für diese Stadt, besonderes Gewicht. Damit entstand ein bemerkenswerter Kontrast: Auf der Leinwand war ein Film über Hoffnung, Begegnung und Verständigung zu sehen. Wenig später erklärte dessen Produzentin auf dem Podium, warum sie einen solchen Film unter den heutigen Bedingungen nicht noch einmal machen würde.

Wenn politischen Worten sichtbare Wirkung folgen muss

Der Abend blieb nicht auf der persönlichen und kulturellen Ebene. Die Diskussion wurde dann zunehmend politisch. Brauner thematisierte die aus ihrer Sicht bestehende Diskrepanz zwischen politischen Aussagen gegen Antisemitismus und deren wahrnehmbarer Wirkung im gesellschaftlichen Alltag. Politik könne Antisemitismus verurteilen, Erklärungen verabschieden und Maßnahmen ankündigen. Entscheidend sei jedoch letztlich, ob die Betroffenen tatsächlich eine Veränderung wahrnehmen und sich in ihrem Alltag sicher fühlen.

Damit wurde eine grundsätzliche Frage aufgeworfen: Wann wird aus einer politischen Erklärung sichtbares politisches Handeln?

Lukas Krieger (Foto: Dr. Khalil Dindarian)

Gerade beim Kampf gegen Antisemitismus kann die öffentliche Verurteilung nur ein erster Schritt sein. Entscheidend ist, ob politische Entscheidungen, staatliches Handeln, Bildung und gesellschaftliches Engagement dazu führen, dass antisemitische Einstellungen und Handlungen tatsächlich zurückgedrängt werden.

Kritische Stimmen aus dem Publikum

Auch die Zuschauerinnen und Zuschauer beteiligten sich engagiert an der anschließenden Diskussion. Dabei wurde insbesondere der Umgang Berlins mit Demonstrationen kritisch thematisiert.

Aus dem Publikum wurde die Frage aufgeworfen, wie Politik und zuständige Behörden mit Demonstrationen umgehen sollen, wenn aufgrund vorausgegangener Veranstaltungen mit antisemitischen Äußerungen, einschlägigen Parolen oder anderen Grenzüberschreitungen gerechnet werden muss. Diese Diskussion berührt einen sensiblen Kern demokratischer Gesellschaften.

Podium, Dr. Alice Brauner (re.), Christine Berg, Lukas Krieger (Foto: Dr. Khalil Dindarian)

Protest und Versammlungsfreiheit gehören selbstverständlich zu einer Demokratie. Das Recht, politische Entscheidungen zu kritisieren, für die eigene Position auf die Straße zu gehen und auch unbequeme oder kontroverse Auffassungen öffentlich zu vertreten, gehört zu den Grundlagen eines freiheitlichen Rechtsstaates.

Gerade deshalb muss zwischen legitimer politischer Meinungsäußerung und der Überschreitung rechtlicher Grenzen unterschieden werden.

Wo Protest bewusst die Rechte anderer verletzt, wo antisemitische Äußerungen auftreten oder demokratische und rechtsstaatliche Regeln missachtet werden, stellt sich die Frage, wo legitimer Protest endet und der Rechtsstaat konsequent einschreiten muss.

In der Diskussion wurde dabei auch eine weitergehende Sorge deutlich: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Grenzüberschreitungen durch ihre Wiederholung zunehmend als Normalität wahrgenommen werden?

Diese Frage betrifft nicht nur Antisemitismus. Sie berührt grundsätzlich das Verhältnis zwischen Freiheit und Verantwortung. Eine Demokratie muss unterschiedliche und auch gegensätzliche Meinungen aushalten können. Sie muss ihre eigenen Grundprinzipien jedoch ebenso schützen.

Dialog braucht Voraussetzungen

Gerade hier schloss sich der Kreis zum Film.

„CRESCENDO“ zeigt, dass Dialog möglich sein kann, selbst wenn Menschen scheinbar unüberwindbare Gegensätze voneinander trennen. Gleichzeitig machte die Diskussion im Kant Kino deutlich, dass Dialog nicht voraussetzungslos funktioniert. Dialog braucht die Bereitschaft zuzuhören. Er braucht gegenseitigen Respekt. Er braucht Vertrauen. Und er braucht einen gesellschaftlichen und rechtsstaatlichen Rahmen, der die Freiheit des einen schützt, ohne die Rechte und die Sicherheit des anderen preiszugeben. Vielleicht lag darin der stärkste Spannungsbogen dieses Abends: Zwischen der Hoffnung des Films und der Realität, über die anschließend gesprochen wurde, lag eine sichtbare Distanz. Die Antwort darauf kann jedoch nicht sein, den Dialog grundsätzlich aufzugeben. Ebenso wenig genügt es, immer wieder nur seine Bedeutung zu betonen.

Dr. Alice Brauner (Foto: Dr. Khalil Dindarian)

Der Film- und Gesprächsabend im Kant Kino hinterließ deshalb eine anspruchsvollere Botschaft: Dialog und Verständigung bleiben unverzichtbar. Doch sie brauchen Vertrauen, Verantwortung und einen Rechtsstaat, dessen Regeln nicht nur formuliert, sondern auch sichtbar durchgesetzt werden. Und vielleicht ist genau das die Herausforderung unserer Zeit: Brücken zu bauen, ohne dabei die Grenzen aus dem Blick zu verlieren, die eine offene und demokratische Gesellschaft schützen.

Text/Foto: Dr. Khalil Dindarian

VO
Volker Neef
Redaktion HauptstadtEcho
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