Wie kann Hessen weiter ein starker Industriestandort bleiben?
Das (räumlich sehr großzügige) Foyer des Hessischen Landtags in Wiesbaden platzte buchstäblich aus allen Nähten, so groß war der Besucherandrang (mehr als 500) zum Wirtschaftskongress der Hessischen FDP-Landtagsfraktion am 18. August. Eingeladen hatten die Vorsitzenden, Frau Wiebke Knell und Herr Dr. Stefan Naas. Das brennende Thema: Die Krise der deutschen Wirtschaft und die dringend erforderliche Neujustierung!

In der Einladung war die Thematik prägnant beschrieben: Die hessische Industrie stehe vor tiefgreifenden Transformationsprozessen. Digitalisierung, Dekarbonisierung, geopolitische Veränderungen und der internationale Wettbewerb stellten Unternehmen vor große Herausforderungen – eröffneten aber zugleich neue Chancen für Innovation, Wachstum und nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit. Im Mittelpunkt des Kongresses stünden Fragen wie: Wie könne Hessen auch künftig ein starker Industriestandort bleiben? Welche politischen Rahmenbedingungen brauche die Wirtschaft, um erfolgreich zu investieren, Innovationen voranzutreiben und hochwertige Arbeitsplätze zu sichern? Diese Fragen wolle man gemeinsam mit führenden Vertreterinnen und Vertretern aus Industrie, Wirtschaft und Verbänden nachgehen. Und zwar auf der Grundlage von Keynotes von ausgewiesenen Experten, nämlich Herrn Prof. Dr. Achim Wambach, Präsident des ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Herrn Dr. Joachim Kreysing, Geschäftsführer der Infraserv Höchst-Gruppe, sowie Herrn Dr. Boris Mergell, Vorstand Safety & Motion, AUMOVIO.

Dr. Boris Mergell beleuchtete die aktuellen Probleme aus der Sicht eines Autozulieferers
Im Anschluss an die Key Notes wurde den Besuchern die Möglichkeit eingeräumt, die Diskussion in einzelnen Arbeitsgruppen (IndustryLabs genannt) zu vertiefen und mit Expertinnen und Experten ins Gespräch zu kommen. Eingerichtet waren folgende Arbeitsgruppen: • ChemLab – Zukunft der Chemie- & Pharmaindustrie mit Marlies von der Malsburg (Merck) und Sula Lockl (VCI Hessen), • DefenseLab – Sicherheit & Verteidigung mit Dr. Axel Scheibel (KNDS Deutschland),• AviationLab – Luftfahrt der Zukunft mit Thrasivoulos Malliaras, Koordinator (Lufthansa) und • MobilityLab – Automotive & Mobilität mit Frank Klaas (Geely Holding).
Den Auftakt des Kongresses machten mit einer Einführung die beiden Fraktionsvorsitzenden Frau Wiebke Knell und Herr Dr. Stefan Naas, die in einem lebhaften Vortrag auf die aktuelle Schieflage der deutschen Wirtschaft hinwiesen, u.a. auf die Negativentwicklungen in der Automobilindustrie und im Maschinenbau. Jeden Tag verliere Deutschland 500 Industriearbeitsplätze. Negative Faktoren seien etwa zu viel Bürokratie, zu hohe Steuern und Energiekosten. Man wolle gemeinsam der Frage nachgehen, wie Deutschland wirtschaftlich wieder attraktiver werde. Und in einem Videogrußwort wünschte FDP-Vorsitzender Wolfgang Kubicki dem Kongress großen Erfolg.

Vorstellung der Arbeitsgruppenergebnisse gegenüber dem Plenum (Foto: RRB)
Von den Keynote-Sprechern machte Professor Dr. Wambach den Auftakt. Es gebe zwar positive Konjunkturerwartungen in Deutschland, aber Deutschland wachse nicht im Vergleich zu anderen Ländern in Europa – die Investitionen sänken und die Arbeitslosenzahlen stiegen. Dagegen liege Deutschland in den Unternehmenssteuern an der Spitze, und die Digitalisierung der Verwaltung sei notleidend. Die hohe Teilzeitarbeitsquote sei auch nachteilig. Seine Forderung: Investitionen in Forschung und Entwicklung anstelle von Subventionen.

Gespräch der Fraktionsvorsitzenden Frau Wiebke Knell mit der Repräsentantin von Phoenix TV, Frau Professor Yang Junzi (Foto: RRB)
Sodann erläuterte Dr. Kreysing die Lage der Chemie. In Hessen sei die Chemie umsatzstärkster Wirtschaftszweig. Für sie bildeten die hohen Energiekosten ein großes Problem – sie seien dreimal so hoch wie in den USA. Die CO2-Politik tue ein Übriges. Zudem erhöhten Maßnahmen der EU die Kostenlast. So sei für die hiesige Chemie 2021 das letzte gute Jahr gewesen. Es sei dramatisch, wie in Deutschland die Industriestandorte zurückgingen. Seine zentrale Forderung: Die Energiepreise müssten deutlich sinken.
Es folgte Dr. Mergel von Aumovio, eines Autozulieferers und einer Ausgliederung von Continental. Man habe 80000 Mitarbeiter, einen Rückgang von 20000 innerhalb von drei Jahren. Und dieser Prozess laufe weiter. Eine Perspektive bilde lediglich die Innovation. Bildung und Forschung müssten intensiviert werden. Und Dr. Mergel nannte auch den Ehrgeiz und das Engagement von Mitarbeitern in China beispielhaft. Jedenfalls bestehe in Deutschland mancher Handlungsbedarf.

Moderator Oliver StiRböck (li.), Frau Prof. Yang Junzi (Phoenix TV) und MDgt. a.D. Dr. Michael Borchmann (Foto: RRB)
Im Anschluss an die Vorstellung der Ergebnisse der einzelnen „Industrylabs“ gegenüber dem Auditorium, moderiert durch den Parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktion, Herrn Oliver Stirböck, begann dann das Sommerfest der FDP-Fraktion im Innenhof des Landtags, mit Speisen und Getränken und vielen bilateralen Gesprächen.
Text/Foto: RRB