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Dr. Khalil Dindarian: Interview – Teil 4

Dr. Khalil Dindarian (Foto: Privat)

Was Systeme fragil macht – und wie Resilienz gezielt aufgebaut werden kann

Wir hatten unseren werten Lesern ja bereits mehrmals Herrn Dr. Khalil Dindarian vorgestellt. Der promovierte Diplom-Ingenieur ist auch als Dozent und Buchautor tätig. Heute folgt der 4. Teil seiner Ausführungen.

HAUPTSTADTECHO: Nach der Analyse globaler Systemveränderungen, der Rolle Europas, Deutschlands und Berlins, richtet sich der Blick nun nach vorn: Welche konkreten Faktoren machen Systeme fragil – und welche Methoden helfen, Resilienz in einer Welt wachsender Unsicherheit gezielt aufzubauen?

Dr. Khalil Dindarian: „Fragilität entsteht in komplexen Systemen meist sehr selten durch inen einzelnen Fehler, sondern durch die Kombination struktureller Schwächen. Erstens wirken Silos und fehlende Systemkopplung: Wenn Teilbereiche lokal optimieren, aber nicht im Gesamtsystem denken, entstehen Nebenwirkungen und Kaskaden. Zweitens führen lange Entscheidungszyklen und fragmentierte Governance zu Reaktionsverzug – die Umwelt verändert sich schneller als Institutionen entscheiden. Drittens erhöhen Abhängigkeiten ohne Redundanz – etwa bei Lieferketten, Energie, Daten oder kritischer Infrastruktur – die Störanfälligkeit. Viertens wird Unsicherheit häufig fälschlich wie Risiko behandelt: Man versucht, sie wegzurechnen, statt sie als strukturelles Produkt von Vernetzung, Dynamik und Nichtlinearität zu managen.

Resilienz aufzubauen heißt deshalb nicht, den nächsten Schock exakt vorherzusagen, sondern die Entscheidungs- und Anpassungsfähigkeit des Systems zu stärken. Methodisch beginne ich mit Komplexitätsdenken. Wir müssen verstehen, wie Prozesse (P), Organisation (O), Umfeld (E) und Technologie (T) zusammenwirken – das ist der Kern des POET-Modells.

Darauf aufbauend braucht es ein Enterprise Risk Management, das nicht nur bekannte Risiken verwaltet, sondern Uncertainty Management systematisch einbettet: Frühindikatoren, Trendbeobachtung, Szenarien, klare Eskalations- und Entscheidungslogiken sowie die bewusste Kopplung von Top-down-Steuerung und Bottom-up-Feedback. Genau hier setzt das Enterprise Resilience Framework (ERF) an.

Kurz gesagt: Fragil werden Systeme, wenn sie Komplexität ignorieren oder vereinfachen. Resilient werden sie, wenn sie Komplexität führen – mit schnellerem Lernen, kohärenter Governance und institutionalisierter Entscheidungsfähigkeit unter Unsicherheit.

Warum klassische Risikologiken in komplexen Systemen versagen

Buch von Dr. Khalil Dindarian (Foto: Dr. Khalil Dindarian)

HAUPTSTADTECHO: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass viele Organisationen und Institutionen an Unsicherheit scheitern, obwohl sie über ausgefeilte Risikomanagementsysteme verfügen. Worin liegt aus Ihrer Sicht der zentrale Denkfehler?

Dr. Khalil Dindarian: Der zentrale Fehler liegt darin, Unsicherheit mit Risiko gleichzusetzen. Klassisches Risikomanagement arbeitet mit bekannten Annahmen, Wahrscheinlichkeiten und historischen Daten. Komplexe Systeme funktionieren jedoch anders: Sie erzeugen neue, emergente Risiken, die sich nicht aus der Vergangenheit ableiten lassen.

In meinem Buch formuliere ich das bewusst klar:

Uncertainty is not the absence of information. It is a structural property of complex systems.

Das bedeutet: Unsicherheit entsteht nicht, weil wir zu wenig messen oder analysieren, sondern weil Systeme aus vielen voneinander abhängigen Elementen bestehen, deren Wechselwirkungen sich permanent verändern. Wer versucht, diese Dynamik mit statischen Risikomodellen zu kontrollieren, erhöht oft unbeabsichtigt die Fragilität.

Dr. Khalil Dindarin (Foto: Privat)

Deshalb argumentiere ich, dass Resilienz nur entsteht, wenn Organisationen lernen, Unsicherheit aktiv zu managen – durch Mustererkennung, Szenarien, schnelle Entscheidungszyklen und adaptive Governance.

Oder zugespitzt formuliert:

The danger is not uncertainty itself, but treating uncertainty as if it were a calculable risk.

HAUPTSTADTECHO: Vielen Dank für das Gespräch.

Text: Volker Neef

Fotos: Privat; Dr. Khalil Dindarin

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