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2. März 2026
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2. März 2026Lust-Berlinale 2026
Snejanka Mihaylova (Foto: © Aporia Filmworks, Screening Emotions)
In der Sparte Forum lief im Rahmen der 76. Berlinale der Spielfilm „Lust“. Der Originaltitel lautet „Pochoht“. In Berlin fand die Weltpremiere statt. Der Film weist eine Länge von 77 Minuten auf.
Regisseurin ist die Bulgarin Ralitza Petrova. Snejanka Mihaylova, Nikola Mutafov, Mihail Milchev, Alexis Atmadjov u. a. wirken mit. Produktionsländer des 2026 fertiggestellten Films sind Bulgarien, Dänemark und Schweden. Es ist der zweite Film der Bulgarin. Ihr Erstlingswerk „Godless“ (2016) war ein internationaler Erfolg. Er gewann den „Goldenen Leoparden“ in Locarno.

Ralitza Petrova (Foto: © Aporia Filmworks, Screening Emotions)
Im Zentrum der Erzählung „Lust“ steht Liliana (Snejanka Mihaylova), die in Bulgarien zur Welt kam. Sie ist als Psychotherapeutin in einem Gefängnis in den USA tätig. Dort sind nur Schwerverbrecher wie Mörder, Vergewaltiger, Bankräuber untergebracht. Der Film beginnt damit, dass Liliana in einem Klassenzimmer des Gefängnisses am Schreibtisch sitzt. Vor ihr sind wie Schüler, einige Gefangene platziert. Mechanisch liest sie die Namen auf. Ebenso mechanisch teilt sie mit, wie das weitere Programm aussehen wird. Ein Gefangener steht auf und schreit die Dozentin an. Er teilt ihr und den anderen Gefangenen unmissverständlich mit, das ganze Vorhaben sei doch nur ein Etikettenschwindel. Diese Gesellschaft sei doch gar nicht gewillt, Strafgefangenen zu helfen. Sie, Liliana, wisse das doch nur zu genau. Anstatt sich zu wehren, mache sie diesen Unsinn auch noch mit. Liliana lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Gefängnisbeamte befördern den Störenfried in seinen Haftraum zurück. Die Psychotherapeutin setzt stoisch das Vorlesen der Formalien fort. Sie ist halt ein Teil des Staatsapparates. Von ihr persönlich erfährt man gar nichts über ihre detaillierte Herkunft, ihr Umfeld, ihren Familienstand, ihre Hobbies. Ihr ganzes Leben ist von einem strengen Reglement und einer klinischen Präzision geprägt. Ihr Body, ihre Emotionen und ihre Wünsche unterliegen einer permanenten Selbstkontrolle.

Snejanka Mihaylova (Foto: © Aporia Filmworks, Screening Emotions)
Plötzlich wird die berufliche und private Emotionslosigkeit jäh unterbrochen. Sie hat die Nachricht erhalten, dass in ihrer Geburtsstadt Sofia ihr Vater verstorben ist. Unverzüglich macht sie sich auf den Weg nach Bulgarien, um die Angelegenheiten zwecks einer würdigen Beerdigung zu klären. Was anfangs wie eine Routineangelegenheit ausgesehen hatte, entwickelt sich schnell zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung. Im Standesamt erfährt Liliana, dass der Vater einen Schuldenberg hinterlassen hat. Sie erlebt nun hautnah die Bürokratie. Der Hinweis an die Beamtin in Sofia „Ich habe meinen Vater doch nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen“, hilft nicht weiter. Das der Vater Mutter und Tochter einst verlassen hatte, entbindet Liliana nicht davon, die Beerdigung zu regeln. Ebenso muss sie sich Gedanken machen, wie der Schuldenberg abgetragen werden soll. Sie gibt den Hinweis, der Mann sei doch „dafür bekannt gewesen, viele Affären gehabt zu haben. Da wird es doch sicherlich Kinder geben. Die können sich ja um alles kümmern!“ Die Beamtin ist jetzt stoisch wie Liliana im Gefängnis. Sie schnappt sich das Gesetzbuch und liest dem Gast aus den USA vor, was das bulgarische Gesetz sagt. Der Verstorbene war ihr Vater, ob die Tochter den Vater nie, nur einmal oder viele tausend Male gesehen hat, interessiert den Gesetzgeber nicht. Die Tochter haftet. Andere Erben hat man nicht ermitteln können. Das Psychodrama nimmt seinen Lauf. Ihr ganzes Leben kam sie ohne den Vater aus, nach seinem Tod sorgt er für Fantasien und ans Tageslicht kommende Geheimnisse, die sie Jahrzehnte lang verdrängt hatte. Kann Liliana ihre Steifheit, ihre aufrechterhaltene Kontrolle weithin an den Tag legen oder bricht ihre schöne heile Welt wie ein Kartenhaus zusammen? Vielleicht zeigt sich der Besuch in Sofia auch als ein Akt der Befreiung? Im westlichen Ausland ist sie einst in eine regelrechte Sackgasse gelaufen. Der Tod des Vaters zeigt ihr eventuell, wie sie aus dieser Sackgasse herauskommen kann.
Auch der zweite Film der 1976 geborenen Ralitza Petrova, die ihr Handwerk in London studiert hatte, beeindruckt. Sie schafft es, viele Verknotungen im Leben der Liliana darzustellen. Ebenso erlebt der Zuschauer, wie die Betroffene es schafft, diese Verknotungen zu beseitigen. Momentan steht noch kein Starttermin für „Lust“ in den deutschen Kinos fest.
Text: Volker Neef
Foto: © Aporia Filmworks, Screening Emotions)






















