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23. März 2026Interview mit S. E. Herrn Dilshod Akhatov, dem Botschafter der Republik Usbekistan in der Bundesrepublik Deutschland
S. E. Herr Botschafter Dilshod Akhatov (Foto: Svetlana Reinwarth)
Wie wir kürzlich berichtet hatten, wurde in der usbekischen Hauptstadt Taschkent das „Zentrum für Islamische Zivilisation“ eröffnet. Wir sprachen darüber mit Seiner Exzellenz, dem Botschafter Usbekistans in Deutschland, Herrn Dilshod Akhatov.

HAUPTSTADTECHO: Exzellenz, stellen Sie bitte unseren Lesern das „Zentrum für Islamische Zivilisation“ vor.
S. E. Herr Botschafter Dilshod Akhatov: „Wie es allgemein bekannt ist, war das Territorium des heutigen Usbekistans eine der alten Wiegen der menschlichen Zivilisation. Schon in der vorislamischen Zeit war diese Region ein Zentrum hochentwickelter Kulturen und Staatlichkeiten, wovon heute noch jahrtausendalte materielle und immaterielle Befunde, zeugen.
Mit dem Islam im 7. Jahrhundert kam nicht nur eine neue Religion in diese Region, sondern auch ein neuer Aufschwung für Bildung und Aufklärung. Viele bedeutende Entdeckungen und Entwicklungen der Menschheit in Mathematik, Chemie, Physik, Medizin, Astronomie und Architektur entstanden in dieser Region vor allem zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert.
Dieser Boden brachte viele bedeutende Persönlichkeiten hervor, die die Grundlagen der heutigen modernen Wissenschaft gelegt haben. Als Beispiel kann man Avicenna aus Bukhara nennen, dessen Werk „Kanon der Medizin“ bis zum 16. Jahrhundert in Europa als medizinisches Standardlehrwerk verwendet wurde. Auch Chorezmi gehört zu diesen großen Gelehrten. Mit seinem Hauptwerk über das „Rechnen durch Ergänzen und Ausgleichen“ gilt er als Begründer der Algebra. Dank seiner Werke und seines Namens entstand der Begriff „Algorithmus“ und die Grundlage für die heutige Welt der Digitalisierung.
Man könnte noch viele weitere solche Wissenschaftler und ihre zahlreichen Werke nennen, die die Entwicklung der Wissenschaft weltweit maßgeblich geprägt haben. Im Jahr 2017 wandte sich der Präsident von Usbekistan, Herr Shavkat Mirziyoyev, in einer Rede vor der UNO an die internationale Gemeinschaft mit dem Aufruf, den wahren Platz der islamischen Zivilisation in der Weltgeschichte wiederherzustellen. Er machte darauf aufmerksam, dass dem Islam Bildung, Wissenschaft und humanistische Werte zugrunde liegen und dass Extremismus und Unwissenheit durch Wissen und Kultur bekämpft werden können.

Die Rede des Präsidenten von der Tribüne der UNO wurde zur wissenschaftlichen Grundlage für das Zentrum – als grundsätzlich neues humanitäres Modell von weltweiter Bedeutung. In diesem Modell wird der Islam durch die Geschichte großer Zivilisationen dargestellt, in denen wissenschaftliche Durchbrüche stattfanden, Universitäten und Akademien gegründet wurden, Bibliotheken und Labore entstanden und die Grundlagen der Medizin, Philosophie, Kunst und des wissenschaftlichen Denkens entwickelt wurden.
Dank des politischen Willens des unseres Präsidenten wurde die Idee zur Gründung des Zentrums der islamischen Zivilisation in einem bisher beispiellosen Format umgesetzt – sowohl hinsichtlich seines Umfangs als auch seines Inhalts und seiner internationalen Bedeutung. Es entstand ein einzigartiger zivilisatorischer Komplex. Da sind ein Museum der neuen Generation, eine moderne Forschungsinfrastruktur, eine moderne Bibliothek, nationale und internationale Archive zur Geschichte der Zivilisationen Zentralasiens, digitale geisteswissenschaftliche Technologien sowie ein breites Netzwerk globaler wissenschaftlich-kultureller Zusammenarbeit.
Der Generalsekretär der UNO António Guterres würdigte dieses Projekt bei seinem Besuch des im Bau befindlichen Zentrums der islamischen Zivilisation sehr hoch und sagte, dass der Präsident Herr Shavkat Mirziyoyev ein großer und angesehener Leiter ist, der von der hohen Tribüne der Vereinten Nation aus konsequent die Ideen des Dialogs, der Bildung und des gegenseitigen Respekts fördert“.

HAUPTSTADTECHO: Exzellenz, welche Zahlen und Daten können Sie vermelden zum Zentrum der islamischen Zivilisation in Tashkent?
S. E. Herr Botschafter Dilshod Akhatov: „Im Jahre 2017 begann man mit dem Bau des Zentrums der islamischen Zivilisation in Taschkent . Die Fläche beträgt 10 Hektar. Die gesamte Nutzfläche des Gebäudes beträgt etwa 50.000 Quadratmeter. Das monumentale Gebäude ist 161 Meter lang und 118 Meter breit und besteht aus drei Stockwerken. Die zentrale blaue Kuppel erreicht eine Höhe von 65 Metern“.
Hauptstadtecho: Wie sieht es im Inneren des Gebäudes aus?
S. E. Herr Botschafter Dilshod Akhatov: „Im Komplex wurden mehrere thematische Ausstellungsräume eingerichtet wie „Die vorislamische Zeit auf dem Gebiet Usbekistans“,; „Erste Blütezeit (Renaissance)“, „Zweite Blütezeit (Renaissance)“, „Usbekistan im 20. Jahrhundert“ sowie „Neues Usbekistan – Grundlage für die neue Blütezeit (Renaissance)“.
Im dritten Stock des Zentrums befindet sich eine moderne Bibliothek mit 350.000 gedruckten Büchern und 5 Millionen digitalen Quellen. Außerdem werden hier Büros von UNESCO, TURKSOY, ICESCO (Organisation der islamischen Welt für Bildung, Wissenschaft und Kultur), IRCICA (Forschungszentrum für islamische Geschichte, Kunst und Kultur) sowie von Forschungsinstituten aus vielen Ländern der Welt ihre Arbeit aufnehmen. Für Kinder gibt es spezielle Ausstellungs- und Bildungsbereiche.
In den letzten Jahren gelang es zudem, fast 2.000 Artefakte, darunter zahlreiche seltene Handschriften, nach Usbekistan zurückzuführen. Im Hauptsaal des Gebäudes befindet sich der „Saal des Heiligen Korans“, in dem einige der seltensten geistigen Schätze der muslimischen Welt aufbewahrt werden: darunter der berühmte „Usman Koran“, Koran-Handschriften aus den Epochen der Samaniden, Karakhaniden, Choresm-Schahs und Timuriden sowie seltene Übersetzungen und Manuskripte des Korans in der tschagataischen Sprache.
Bei der Gestaltung und Erweiterung der Museumsausstellungen wurde umfangreiche Arbeit geleistet. Allein im vergangenen Jahr wurden mehr als 1.500 Exponate hinzugefügt, darunter etwa 800 alte Handschriften, archäologische Funde und historische Karten. Zudem wurde eine Zusammenarbeit mit ausländischen Auktionshäusern, großen Sammlern und Kunsthändlern aufgebaut, wodurch 743 Originalexponate ins Land gebracht werden konnten.
Eine Delegation von Fachleuten aus Usbekistan besuchte über 100 Bibliotheken, Museen und Kulturzentren in Ländern wie Saudi- Arabien, Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Türkei, Großbritannien, Russland, Malaysia, Pakistan und Kuwait, um Werke bezüglich der Geschichte von Usbekistan zu lernen. Allein im Großbritannien wurden bei den Auktionshäusern Sotheby’s und Christie‘ s sowie aus privaten Sammlungen, Galerien und von Kunsthändlern mehr als 580 historische Objekte erworben. Darunter befinden sich ein Teil einer monumentalen Koran-Handschrift, die auf Befehl von Amir Timur angefertigt wurde, ein Chapan (Mantel) aus der Timuridenzeit, das Werk „Kitab al-Shifa“ von Avicenna, sowie Dokumente und Miniaturen aus der Zeit der Baburiden. Es wurde außerdem zwei Koran-Handschriften aus der Baburiden, eine Abschrift des Werkes „Masnavi“ von Jalal ad-Din Rumi, etwa zehn Miniaturen von Baburiden sowie Beispiele traditioneller Stickerei und Webkunst nach Usbekistan gebracht. Unter diesen Objekten befindet sich auch ein historischer Umhang, der laut historischen Quellen dem Herrscher Babur gehörte.
Hauptstadtecho: An wen richtet sich primär das „Zentrum für Islamische Zivilisation“?

S. E. Herr Botschafter Dilshod Akhatov: „Dieser Komplex ist für alle Menschen, unabhängig von der Herkunft, Religion, Bildung, gedacht. Das ist ein riesengroßes Museum, gleichzeitig ein großes internationales Forschungszentrum, ein Ansiedlungsort mehrerer internationaler Forschungszentren und Organisationen.
Bei der Grundsteinlegung des Zentrums erklärte unser Präsident, dass das Ziel der Gründung dieser Einrichtung es ist, die islamischen Wissenschaften richtig zu erforschen und das große Erbe unserer Vorfahren sowohl unserem Volk als auch der Weltgemeinschaft zu vermitteln. Deshalb wurde das Zentrum von Anfang an als ein dynamisch sich entwickelndes System konzipiert – als internationale wissenschaftliche Plattform, als Medienraum sowie als Verlags- und Bildungszentrum.
Heute entwickelt sich das Zentrum der islamischen Zivilisation zu einem intellektuellen Mittelpunkt der modernen Welt – ähnlich wie einst Bait-al Hikma (Haus der Weisheit) in Bagdad, die Ma’mun Akademie in Choresm und die Ulugbek Medresse in Samarkand, die damals die Entwicklung der Wissenschaft prägten. Das Zentrum ist eine neue Art von Institution im 21. Jahrhundert. Hier verbindet sich altes Wissen mit moderner Technik. Handschriften werden zu digitalen Quellen, die alle nutzen können. Das Museum ist dann wie ein wissenschaftliches Labor. Das nationale Erbe ist die Basis für internationalen Dialog und gegenseitiges Verständnis.
Gerade in einem solchen historischen Moment ist im Herzen Eurasiens – auf dem Boden, auf dem einst große Zivilisationen und Reiche entstanden, wo sich über Jahrtausende Handelswege, Religionen, wissenschaftliche Schulen und Kulturen kreuzten – ein einzigartiges Zentrum der islamischen Zivilisation in Usbekistan entstanden. Seine Gründung ist kein Zufall und nicht von kurzfristigen Überlegungen bestimmt. Sie ist ein direktes Ergebnis der strategischen Weltanschauung des Präsidenten der Republik Usbekistan, Herrn Shavkat Mirziyoyev.
Nach Ansicht internationaler Experten ist das Zentrum der islamischen Zivilisation in Usbekistan kein gewöhnliches Infrastrukturprojekt und auch nicht nur ein Symbol der Kulturpolitik. Es ist eine bewusste zivilisatorische Antwort des usbekischen Staatschefs auf die heutigen globalen Herausforderungen. In der Geschichte der islamischen Welt wurde erstmals eine so umfassende dauerhafte Plattform für einen echten Dialog der Zivilisationen geschaffen. Usbekistan hat damit eine historische und geistige Mission übernommen – verzerrten Darstellungen des Islam und der islamischen Zivilisation nicht nur mit Erklärungen entgegenzutreten, sondern durch die Schaffung eines realen intellektuellen Raumes von weltweitem Niveau. Experten und Politiker betonen einstimmig, dass dieses Projekt zu einem humanitären Schutzschild gegen Radikalismus und gegen ein verzerrtes Bild des Islam geworden ist – ein Schutzschild, das durch Wissen geschaffen wurde.
HAUPTSTADTECHO: Für welche Veranstaltungen ist das Zentrum vorgesehen?
S. E. Herr Botschafter Dilshod Akhatov: „Wie bereits gesagt, ist das Zentrum für Islamische Zivilisation ein Museum, ein Forschungszentrum, ein Ort für internationale Konferenzen und Kooperation. Hier ist eines richtig zu verstehen: Unter islamischen Wissenschaften oder einem Zentrum für islamische Wissenschaften sind nicht nur religiöse Wissenschaften oder Theologie zu verstehen, sondern ein umfassender Komplex verschiedener Disziplinen – von der Medizin bis zur Geodäsie, von der Kunst bis zur Philosophie.
Denn die Wissenschaftler der islamischen Welt waren Universalgelehrte: Sie befassten sich mit Philosophie, Theologie und Politik sowie mit verschiedenen Naturwissenschaften, Mathematik und Medizin und beherrschten oft mehr als zehn Sprachen.
Dieses Forschungszentrum ist ein großer Komplex, der eine freie Plattform für globale Zusammenarbeit sowie für den Dialog zwischen Kulturen, Religionen und Wissenschaftlern und Künstlern aus der ganzen Welt bietet. Am Entwurf, Bau und an der technischen Ausstattung des Zentrums mit modernen Informationstechnologien waren hochqualifizierte Spezialisten aus Wissenschaft, Architektur und Kultur aus vielen Ländern beteiligt – darunter Frankreich, China, das Vereinigte Königreich, die USA, die Vereinigten Arabischen Emirate, Russland, die Türkei, Deutschland, Spanien, Italien, Malaysia, Aserbaidschan, Saudi-Arabien, Indien sowie Staaten Zentralasiens – insgesamt über 1.500 Experten aus mehr als 40 Ländern. Schon diese Tatsache bestätigt das wahre globale Ziel seiner Errichtung.
Die Forschungsveranstaltungen im Zentrum hat schon begonnen. Beim ersten Forum der Wissenschaftler, das hier stattfand, nahmen rund 500 Fachleute teil und brachten mehr als 600 Vorschläge ein.
Am Zentrum wurde außerdem ein erweiterter Wissenschaftlicher Rat, der aus renommierten Wissenschaftlern besteht, ins Leben gerufen. Bisher haben fast 40 Sitzungen dieses Rates stattgefunden, bei denen rund 200 Fragen zur Tätigkeit des Zentrums erörtert wurden.
Mit ausländischen Experten werden neue gemeinsame Programme und wissenschaftliche Projekte diskutiert. Diese Kooperationen schaffen eine Grundlage für neue Entdeckungen und wissenschaftliche Forschungen. Die Ausstellungen im Zentrum werden ständig erweitert, bereichert und erneuert. Bei jedem Besuch können die Gäste hier neue Ideen, neue Inspiration und einen neuen Geist entdecken. Unser Präsident hat extra gefordert, besondere Bedingungen für die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen zu schaffen. Denn das kulturelle Erbe Usbekistans gehört nicht nur unserem Land, sondern der gesamten Menschheit. Heute wird dies weltweit anerkannt. Auch die angereisten Staats-und Regierungschefs, Minister und internationalen Experten betonen diese wichtige Idee ausdrücklich“.
HAUPTSTADTECHO: Wenn deutsche Touristen das „Zentrum für Islamische Zivilisation“ persönlich in Augenschein nehmen möchten: Ist das überhaupt möglich? Wenn ja, was sollte man im Vorfeld dazu einplanen? (Kann man also spontan dort erscheinen? Muss ich vorher einen Termin ausgemacht habe
S. E. Herr Botschafter Dilshod Akhatov: „Bereits bei der Konzeption wurde berücksichtigt, dass dieses Museum insbesondere auch für ausländische Gäste, Touristen und Kooperationspartner offen ist. Heute zählt es zu den bedeutenden neuen Sehenswürdigkeiten Taschkents, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Das Museum ist täglich von 9 bis 22 Uhr geöffnet. Man kann mit Familien, Kindern, sogar nach der Arbeitszeit kommen, sogar eine Nachtspaziergang im Bereich „Die Welt der Geschichte“ machen.
Der Besuch des Zentrums erfolgt mit elektronischen oder gedruckten Tickets. Diese können bequem über die Online-Plattform iTicket.uz oder an den Kassen im Eingangsbereich der Anlage erworben werden.
Jedes E-Ticket enthält einen QR-Code mit dem angegebenen Besuchsdatum und der Uhrzeit. Es reicht aus, diesen entweder auf dem Smartphone vorzuzeigen oder ausgedruckt mitzubringen – beim Einlass wird das Ticket innerhalb weniger Sekunden am Drehkreuz gescannt.
Die durchschnittliche Besuchsdauer für Gruppen liegt bei etwa zwei Stunden. Führungen werden auf Usbekisch, Russisch und Englisch angeboten. Der vollständige Text der Besuchsordnung ist auf der offiziellen Website des Zentrums für Islamische Zivilisation zu finden: https://iccu.uz/en
HAUPTSTADTECHO: Rahmat (Anm.: Usbekisch für „Danke“) sehr geehrter Herr Botschafter.
Text: Volker Neef
Fotos: BakAsl, Volker Neef; Svetlana Reinwarth























