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12. Januar 2026Von der Analyse zur Anwendung: Resilienz als staatliche und organisationale Führungsfähigkeit
Dr. Khalil Dindarian (Foto: Volker Neef)
Interview – Teil 5 mit Herrn Dr. Khalil Dindarian
Wir hatten für unsere werten Lesern ja bereits 4 Gespräche mit Herrn Dr. Khalil Dindarian veröffentlicht. Im 5. Teil in dieser Interviewreihe geht es „Von der Analyse zur Anwendung: Resilienz als staatliche und organisationale Führungsfähigkeit“. Dr. Khalil Dindarian ist promovierter Diplom-Ingenieur, zudem ist er als Dozent sowie Buchautor tätig.
HAUPTSTADTECHO: Ist Ihr POET-Modell und das Enterprise Resilience Framework (ERF) in der Praxis einsetzbar?

Dr. Khalil Dindarian: „Ja – beide Modelle sind ausdrücklich für die Praxis entwickelt und dort auch erprobt worden. POET ist kein abstraktes Theoriemodell, sondern ein Analyse- und Entscheidungsinstrument. Es hilft Organisationen systematisch zu verstehen, wo Komplexität entsteht – in Prozessen, Strukturen, im Umfeld oder in der eingesetzten Technologie – und wie diese Dimensionen sich gegenseitig beeinflussen.
Das Enterprise Resilience Framework übersetzt diese Analyse in konkrete Governance-, Strategie- und Entscheidungsmechanismen. ERF lässt sich in bestehende Strukturen integrieren, insbesondere in Enterprise Risk Management, ohne alles neu aufzubauen. Der entscheidende Mehrwert liegt darin, Uncertainty Management systematisch einzubetten – also nicht nur bekannte Risiken zu verwalten, sondern emergente Entwicklungen früh zu erkennen und handlungsfähig zu bleiben.
Zusammengefasst beginnt die praktische Anwendung immer mit der Frage nach den zentralen Treibern geopolitischer und makroökonomischer emergenter Risiken und von Unsicherheit:
- Machtverschiebungen
- Demografische Entwicklungen
- Energie- und Ressourcenabhängigkeiten
- Technologische Dynamiken
- Systemkopplungen und wechselseitige Abhängigkeiten
Erst wenn diese Treiber verstanden sind, kann Resilienz gezielt aufgebaut werden – nicht als Reaktion, sondern als strategische Fähigkeit“.
HAUPTSTADTECHO: Wenn man Ihre Analyse auf staatliches Handeln überträgt: Welche Prinzipien machen einen Staat heute resilient?
Dr. Khalil Dindarian: „Aus meiner Forschung lassen sich sechs zentrale Prinzipien ableiten, die resilienten Staaten gemeinsam sind:
- Akzeptanz von Unsicherheit
- Frühwahrnehmung statt Vorhersage
- Adaptive Governance
- Verteilte Entscheidungsfähigkeit
- Vertrauen als strategische Ressource
- Lernen aus Krisen
„Resilienz entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch die Fähigkeit, mit Ungewissheit handlungsfähig zu bleiben.“
HAUPTSTADTECHO: In Ihrem Buch „Unvorhergesehenes als Chance sehen – Black Swan“ schreiben Sie, dass Resilienz kein isoliertes Ziel, sondern ein Ergebnis richtiger Führung und Governance ist. Was bedeutet das konkret für Organisationen und staatliche Institutionen, die heute handlungsfähig bleiben wollen?

Dr. Khalil Dindarian: „Resilienz ist kein Zusatzprogramm und keine Checkliste. Sie entsteht dort, wo Führung, Entscheidungslogik und Governance konsequent auf Komplexität ausgerichtet sind. In meinem Buch argumentiere ich, dass Resilienz immer ein emergentes Ergebnis ist – sie lässt sich nicht verordnen, sondern nur ermöglichen.
Konkret heißt das: Organisationen und Staaten müssen lernen, Unsicherheit nicht zu verdrängen, sondern strukturell zu integrieren. Das betrifft Entscheidungsprozesse, Verantwortlichkeiten, Informationsflüsse und die Fähigkeit, schnell zu korrigieren. Resiliente Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass sie unter Druck lernfähig bleiben, statt an einmal festgelegten Annahmen festzuhalten.
Oder anders formuliert: Resilienz entsteht nicht durch mehr Regeln, sondern durch bessere Entscheidungsarchitekturen. Wer Governance so gestaltet, dass Anpassung möglich ist, erzeugt Stabilität nicht trotz, sondern durch Wandel.
„Resilienz ist kein Zustand – sie ist die Fähigkeit eines Systems, sich im Wandel selbst zu steuern.“
HAUPTSTADTECHO: Vielen Dank für das Gespräch.
Text: Volker Neef
Fotos: Privat, Volker Neef























